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Was dem Ruf von QM schadet
So macht QM keine Freude
Manchmal gefällt mir mein Beruf als QM-Berater nicht.
Eigentlich macht es viel Freude, Ideen zur Verbesserung und neue Wege auszuprobieren. Doch dann fragen Kunden: „Reicht das denn so fürs Audit?“ oder Zertifizierungsauditoren kommen mit Abweichungen um die Ecke, die jeder Normgrundlage entbehren.
Wenn Kunden verunsichert sind und um ihr Zertifikat bangen, kann ich das nachvollziehen und gerne nehme ich ihnen unnötige Ängste. Was mich jedoch massiv ärgert, ist, wenn Zertifizierungsauditor:innen die Anforderungen der ISO 9001 nicht kennen, verschiedene Systeme vermischen und auf wertlosen Formalien bestehen.
Von Normprofis (Zertifizierungsauditor:innen sollten Normprofis sein) erwarte ich mehr. Zum Glück gibt es auch sehr viele fähige Auditor:innen, die sich teilweise auch über jene Art Kolleg:innen ärgern, die ich in diesem Artikel skizziere.
Lust auf reale Beispiele?
Abweichung wegen fehlender Norm
Nichtsahnend genieße ich mein Hörbuch im Stau, als das Telefon klingelt. Dank Freisprecheinrichtung nehme ich das Gespräch an. Am anderen Ende der QM-Beauftragte eines Kleinstunternehmens mit nur drei Mitarbeiter:innen.
QMB: „Hallo Stephan, wir hatten eine Abweichung im Audit. Der Auditor hat bemängelt, dass wir die ISO 9001 nicht als Dokument vorliegen hatten.“ Zum Glück stand ich im Stau und konnte keinen Unfall verursachen 🚗🚕🚗🏎️.
Nirgendwo in der Norm wird gefordert, dass diese verfügbar sein müsse. Warum auch? Ich kann ja auch rechtskonform Auto fahren, ohne die Straßenverkehrsordnung in der aktuellen Fassung mitzuführen oder im Regal verstauben zu lassen.
Der Kunde hat die Abweichung leider akzeptiert und gibt nun 178 € aus, die man sinnvoller hätte investieren können. Zumal im nächsten Jahr die leidliche Revision der ISO 9001 ansteht.

Arbeitssicherheit im ISO 9001 Audit
Zahlreiche ISO 9001 Auditor:innen sind Quereinsteiger aus dem Bereich Arbeitssicherheit. Schließlich gibt es im Arbeitsschutz auch Begehungen und Arbeitssicherheitsmanagementsysteme nach ISO 45001 oder SCC.
Ich habe großes Verständnis dafür, dass alle Auditor:innen gewisse Vorlieben haben. Wenn jedoch das Auditergebnis eines ISO 9001 Qualitätsaudits zu 80 % aus Arbeitssicherheitshinweisen besteht, dann stimmt etwas nicht.
Darauf angesprochen, berufen sich Auditor:innen auf Abschnitt 8.2.2 der ISO 9001:
„Bei der Bestimmung von Anforderungen an die Produkte und Dienstleistungen, die Kunden angeboten werden sollen, muss die Organisation sicherstellen, dass: die Anforderungen an das Produkt und die Dienstleistung festgelegt sind, einschließlich jeglicher zutreffender gesetzlicher und behördlicher Anforderungen.“
Damit sind nicht ortsveränderliche Geräte und Feuerlöscher in der Produktion gemeint, sondern Anforderungen, die sich auf die Qualität und den Kunden auswirken.
In einem öffentlichen Gebäude (Hotel, Krankenhaus, Schule …) würden ortsveränderliche Geräte oder Feuerlöscher übrigens sehr wohl zu den nicht explizit formulierten Qualitätsanforderungen der Kunden gehören. Dann wären sie auch im Zertifizierungsaudit relevant 🏩🛏️🔥🧯🚒. Auditor:innen sollten in der Lage sein, dies zu unterscheiden.
Wenn Auditor:innen Mängel zur Arbeitssicherheit auffallen, die sich nicht auf die Qualität der Produkte oder Prozesse auswirken, dann sollen sie diese gerne ansprechen oder in einem Hinweis formulieren. Immerhin ist es besser, eine Auditorin findet eine Gefahrenquelle, als dass ein Mitarbeiter die Gefahr am eigenen Leib erlebt. Aber das sollte nicht zu einer Abweichung führen. Schließlich prüfen ISO 9001 Auditor:innen auch nicht die Korrektheit der Steuererklärung, obwohl es auch da viele rechtliche Anforderungen gibt 😉.
Klimawandel nicht verstanden
Besonders schlimm ist es, wenn Normprofis (Auditor:innen sollten Normprofis sein) nach einer winzigen Veränderung von nur zwei ergänzenden Sätzen in der Norm, diese nicht richtig verstehen oder einordnen können.
Da ich hierzu bereits einen ausführlichen Artikel geschrieben habe, hier nur die Kurzfassung:
Durch das Amendment 02/2024 fordert die ISO 9001, dass man die Auswirkungen durch den Klimawandel auf die Qualität von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen bewertet, um etwaigen Handlungsbedarf zu erkennen.
Eine erschreckend hohe Anzahl von Auditor:innen hinterfragt im Audit, was Organisationen jetzt wegen der Normänderung gegen den Klimawandel tun. Das ist die vollkommen falsche Frage und gehört in ein ISO 14001 oder EMAS-Audit.
Wie zuvor erwähnt, mehr dazu in meinem Artikel zum Amendment.
Abweichung zu Wechselwirkungen
Hier noch ein letztes Beispiel. Ein Kunde von mir ist seit 2009 nach ISO 9001 zertifiziert. Da ich bei Neukunden meist mit der groben Visualisierung von Prozessen starte, um auch selbst die Organisation zu begreifen, gibt es in deren QM-System oftmals eine Prozesslandschaft in unterschiedlichsten Darstellungsformen.
Bei diesem Kunden wurde 2016 das bestehende Prozessmodell, inklusive der Prozesslandschaft, um den risikobasierten Ansatz ergänzt. Zudem wird bereits seit 2010 im Rahmen der Managementbewertung bewertet, welche Qualitätsziele durch welche Prozesse beeinflusst werden. Für beides benötigt man Verständnis zu den Wechselwirkungen der Prozesse.
Im letzten Zertifizierungsaudit reichte dem Auditor die seit 2009 bestehende Prozesslandschaft nicht mehr aus. Ihm würde die Darstellung der Wechselwirkungen der Prozesse fehlen. Er möchte wohl Pfeile sehen ➡️⬆️↘️↗️➡️⬇️↘️↕️🤮.
Das Einzige, was mir hier fehlt, ist Verständnis für diesen Auditor.
Welchen Mehrwert liefern wilde Pfeile in der Prozesslandschaft, um irgendwelche Wechselwirkungen darzustellen? In der Managementbewertung hat der Kunde bewiesen, die Wechselwirkungen zu kennen und bei Managemententscheidungen angemessen zu berücksichtigen.
Gute Auditor:innen können durch wenige Fragen herausfinden, ob Unternehmen prozessorientiert agieren und Wechselwirkungen berücksichtigen oder ob beschränkendes Abteilungsdenken die Umsetzung der Prozesse erschwert.
Zudem ist eine Abweichung zu einem nicht von der Norm geforderten Dokument schon starker Tobak.

Weitere Beispiele gefälligst?
In meinen Artikeln (www.qm-archiv.de), Videos (www.qm-videos.de) und Podcast-Episoden (www.qm-impulse.de) findet man weitere Fälle. Es geht beispielsweise um das scheinbar unvollständige Auditprogramm (Artikel „Auditmythen“) oder um angeblich fehlende Kennzahlen (Podcast-Episode Nr. 46 „Qualitätskennzahlen mit Jan Jörgensmann“).
Doch warum rege ich mich überhaupt so sehr darüber auf und fühle mich veranlasst, solche Artikel zu schreiben?
Wir müssen aufpassen
Sinnbefreite Auditerfahrungen schädigen den Ruf der ISO 9001 und erschweren gute QM-Arbeit.
Es ist wenig verwunderlich, dass Geschäftsführer:innen und Führungskräfte nach solchen Erfahrungen das lästige QM-Thema wegdelegieren, da sie keinen Mehrwert für die Organisation erkennen. So wird das ISO 9001 Zertifikat zur teuren Pappe an der Wand, um bestimmte Märkte bedienen zu können.
Motivierte QM-Beauftragte finden für gute Ideen kein Gehör bei Führungskräften und Mitarbeiter:innen, wenn das ganze QM-Thema nur noch als lästig wahrgenommen wird.
Daher mein Appell an alle QMBs: Lest die Norm – mehrfach. Kennt den Normtext besser als Auditor:innen und habt den Mut, unsinnige Abweichungen abzulehnen.
Mit meinem Podcast „QM-Impulse“ und meinen Artikeln möchte ich aufklären und für eine lebendige QM-Erfahrung werben. In diesem Zusammenhang sei auch der Hinweis auf meine Lev-Akademie (www.Lev-Akademie.de) und die Online-Ausbildung zum/zur QMB-Beauftragten erlaubt 😉.
Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass die Begriffe ISO 9001 und Qualitätsmanagement positive Assoziationen 💚 auf allen Ebenen einer Organisation hervorrufen.
